Buchbesprechungen 

"Für Sie gelesen...." ist eine Überschrift der Infobriefe des ESW. Hier werden Ihnen in kurzen und anregenden Besprechungen Bücher für Ihre eigene Lektüre empfohlen.

Wachstums-Droge absetzen

Gigantische Finanzfonds nicht nur aus Europa und Amerika, sondern auch aus Arabien und China kaufen sich dank des freien Kapitalverkehrs per Hochfrequenzhandel in Sekundenschnelle in unsere Versorgungsbetriebe, Gesundheitseinrichtungen, (Wohn-)Immobilien und in unser Ackerland ein. Dieser entfesselte, von der Wachstumsdroge benebelte Ausverkauf verschlechtert mit seinem Rendite-Druck Arbeitsbedingungen, senkt Qualität, erhöht Mieten, Preise und Gebühren und treibt Raubbau bis zur Erschöpfung an den Ressourcen unseres Planeten. Der einstige „Publik“-Chefredakteur Wolfgang Kessler sieht in seinen beiden im „Publik-Forum“ erschienenen Büchern „Zukunft statt Zocken“ und „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“ dennoch Silberstreifen am Horizont seiner Apokalypse vom Ausverkauf des Gemeinwohls. Vorausgesetzt, die Menschen nehmen die sichtbaren Ansätze zu mehr Maß, Schonung und Nachhaltigkeit in Wahlfreiheit per Einsicht auf. Das Leid an Niedergang und Ohnmacht müsse eben größer werden als die Angst vor persönlichen Verlusten. Das Bessere sei aber sichtbar. Die Bürger könnten diesem wachsenden Neuen wie der Umwelt-Dividende (pauschale Rückerstattung individueller Ressourcen-Bepreisung), dem Grundeinkommen, der Finanztransaktionssteuer, einem suffizienteren Lebensstil und einem fairen Welthandel etwas abgewinnen. Der promovierte Ökonom Kessler weiß aber auch, dass es dazu viel Mutes bei Staaten und ihren Menschen bedarf.

 Wolfgang Kessler: Zukunft statt Zocken. Gelebte Alternativen zu einer entfesselten Wirtschaft. 110 Seiten. Oberursel: Publik-Forum 2017. ISBN 978-3-88095-253-9. 9,90 €. Und: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern. Eine Streitschrift. 126 Seiten. Oberursel: Publik-Forum 2019. ISBN 978-3-88095-330-7. 15 €

 - vorgesehen für ESW-Wortsaat 87/2020

 

Geschwisterliches Miteinander

Von den gelobten Wahlverwandtschaften richtet Familien-Menschenkind Margot Käßmann (61, zwei ältere Schwestern, vier Töchter) den Blick deuterisch kompetent auf die angestammte Herkunftsfamilie mit ihren Geschwisterreihen. Von den alttestamentarischen Familien bis zu den nach-jesuanischen Urchristen ist viel an Rivalität, Ergänzung und Solidarität zu lesen. Locker erzählt, aber eindrücklich erfahren wir von Kains Neid auf Abel, von der Arbeitsteilung im Hause Bethanien, von der Verwunderung der Geschwister Jesu über die Exponiertheit des Ältesten und von der Unantastbarkeit von „Bruder“ und „Onkel“ Paulus in Rom. Dessen Patriarchalismus lässt Käßmann nicht stehen, sondern setzt mit Aphia auf geschwisterliches Miteinander.

Margot Käßmann: Geschwister der Bibel. Geschichten über Zwist und Liebe. 172 Seiten. Freiburg: Herder 2019. ISBN 978-3-451-81661-1. 16,00 € 

 - in Wortsaat 86/2019

 

Mitspieler Kirche

Ulrich Lilies neues Buch „Unerhört! Vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“

Dünn sind die Bindekräfte in der Gesellschaft geworden. Wutbürger und Wahlverweigerer sägen an ihr. Können Kirche und Diakonie den Zusammenhalt wieder stärken? Jawohl, sagt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie in seinem neuen, bei Herder erschienen, 174seitigen Buch „Unerhört!“. Darin handelt er – so der Untertitel – „vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“. Er plädiert für ein Anteil nehmendes Zuhören an den Problemen der Mitmenschen und dafür, dass Kirche und Diakonie zu Mitspielern in aufbauenden gesellschaftlichen Prozessen und heilenden bürgerschaftlichen Initiativen werden.

 Von den Verstörten und Abgehängten leiden zu viele daran, dass ihnen niemand zuhört, sie „unerhört“ bleiben. Sie haben inmitten der allgemeinen Erregtheit über Missstände keine Bedeutsamkeit. Sie mögen still und brav ihren Job erledigen oder ihre oft dürftigen Sozialleistungen verzehren: Aufmerksamkeit erfahren sie in der chattenden, talkenden und erlebnishungrigen Welt nicht. „Die Kunst des Zuhörens droht in Vergessenheit zu geraten“, stellt Lilie fest. Dabei sind Argumentieren und Austausch in unseren Gemeinwesen der pluralen Lebensentwürfe unabdingbar für allseits tragfähige Lösungen. Dazu möchte Lilie unter der Obhut eines menschenfreundlichen Gottes beitragen.

 Kein Ohr für die Not

 Seinen gesellschaftsdiakonischen Entwurf gliedert Lilie in zwei Teile. Im ersten Teil „Die unerhörte Gesellschaft“ diagnostiziert er den Mangel an Aufmerksamkeit für die Abgehängten bei den Verantwortlichen. Lilie selbst legt folglich sein Ohr an die Äußerungen der Vergessenen. Begibt sich zu einem Treffen der Nationalen Armutskonferenz, unternimmt mit Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau einen Rundgang durch den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf und besucht das herunter gekommene Wohnviertel Moers-Matteck bei Duisburg.

 Lilie stößt auf Unzufriedene, Misstrauische, Überforderte, Verängstigte und Ausgeschlossene bis in die Mittelschicht. Das eigene Leben der Aufgesuchten interessiert ihre Mitwelt nicht, ist Lilies Fazit. Die Menschen auf der Verlierer-Seite leiden unter Entwertungs-Erfahrungen. Sie retten sich in eine reaktionäre Gegenmoderne mit Nationalismus und Verschwörungstheorien. Sie kündigen ihre Beteiligung auf. Das ist tödlich für Demokratie und Mitmenschlichkeit, so Lilies Folgerung.

 Ohne Abhilfe kommt es zu einer „vergleichenden Abwertungslogik“: Die Frustration darüber, dass man nichts ändern kann, wird in Aggression gegen andere umgeleitet. Fremdenfeindliche Aktionen werden befürwortet. Einen Trost findet Lilie darin, dass es auch unter den Enttäuschten immer noch Menschen gibt, die gehört werden und reden wollen.

 Soziale Teilhabe schaffen

 In seinem zweiten Kapitel „Zuhören, bitte!“ ruft Lilie folglich dazu auf, die verständliche Empörung in Gespräch und Mittun zu kanalisieren. Deshalb hat die Diakonie Unerhört-Foren initiiert, um in Kommunen, Stadtteilen und Landgebieten mit Initiatoren ins Gespräch zu kommen,  um damit soziale Teilhabe zu erzeugen. Als Modellfall für gelingende Einbindung und für das Wieder-Dazu-Gehören sieht Lilie die Nachbarschaft: Hier kann mit allen Altersgruppen und Bevölkerungsteilen an inklusiven Lebensräumen gearbeitet werden. Hier wird Selbstwirksamkeit erfahrbar und erfahren.

Lebensbereiche wie Wohnen, Gesundheit, Bildung, Dienste, Lokalwirtschaft und Mobilität sind in agilen Partnerschaften zusammen zu bringen. Hierbei kann sich auch Kirche mit ihren personellen und räumlichen Ressourcen aktiv einbringen. Kirche wird so zum Mitspieler in sozialen Initiativen. Beispielhaft sieht Lilie die Modelle Soziale Stadt, bei denen sich Kirchengemeinden beteiligen. Dieses aktivierende „Wir“ soll vor Ort genauso nutzen wie im Weltmaßstab.  

 - in ESW-Wortsaat 85/Dezember 2018

 
 
 

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